Wann irren Augenzeugen?

Vermutete Tatmotive beeinflussen Aussage

An der Universität Osnabrück wurden von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Mehr als 200 Versuchspersonen wurden gezielt platzierte Falschinformationen unterbreitet. Wer ein Tatmotiv eher der Persönlichkeit des Täters zuschrieb (beispielsweise das Motiv Geldgier) erinnerte den Sachverhalt einer sechsminütigen Filmsequenz anders, als wenn er als Vorinformation Not oder äußeren Zwang des Täters oder der Täterin bekam. In Wiedererkennungstests sollten die Versuchspersonen sich zu Fragen nach wahren Ereignissen in dem Film, aber auch zu erfundenen Details, äußern.

 

Überraschende Testergebnisse

Falschinformationen wurden häufiger als wahr eingestuft: Schrieben die Versuchspersonen die Taten der Persönlichkeit der Täterin in dem Film zu, unterliefen ihnen gezielt solche Fehler, die diese negative Beurteilung der Persönlichkeit bestätigten. Z.B. gaben die Versuchspersonen an, gesehen zu haben, wie die Täterin ihre Freundin mit einem Messer bedrohte – obwohl in der Filmsequenz überhaupt kein Messer zu sehen war und die Täterin auch ihre Freundin nie bedroht hatte.

Waren die Versuchspersonen überzeugt, dass die Täterin aufgrund von äußerem Zwang gehandelt hatte, gaben sie beispielsweise eher an, gesehen zu haben, wie die Täterin von einem der Opfer mit einem Messer bedroht worden war – obwohl kein Messer zu sehen war und die Täterin nicht bedroht wurde.

Fragen nach Tatmotiven erforderlich

Die im Jahr 2016 veröffentlichten Untersuchungsergebnisse der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erfordern es, dass Strafverteidiger Zeugen nicht nur nach ihrer Wahrnehmung, sondern auch nach ihrer eigenen (moralischen) Bewertung des wahrgenommenen Geschehens befragen. Daraus ergeben sich möglicherweise Anhaltspunkte dafür, dass ein Zeuge – ohne dies selbst bemerken zu können - in seiner Aussage irren könnte.

Für weiterführende Untersuchungsergebnisse: Hellmann, D.F.  Memon, A. (2016). Attribution of crime motives biases eyewitnesses`memory and sentencing decisions. Psychology, Crime and Law, zitiert nach Informationsdienst der Wissenschaft 14.12.2016.

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